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Pflicht zum digitalen Ungehorsam oder die Macht der gewollten Überwachung

Pflicht zum digitalen Ungehorsam oder die Macht der gewollten Überwachung

Von der Macht der Softwarealgorithmen

Die vielen Berichte über die Enthüllungen in Bezug auf die NSA durch Edward Snowden zeigen, dass der Hauptfokus der Berichterstattung auf die Überwachungsproblematik gelegt wird. Und dies auch erst, seit Bundeskanzlerin Merkel davon betroffen ist. Staaten und Organisationen haben schon immer Interesse gezeigt, sich für die Privatsphäre ihrer Bürger zu interessieren.

In der frühen Phase können wir das Internet als einen (digitalen) Ort verstehen, der durch Dezentralisierung, Kooperation und Transparenz gekennzeichnet war. Sicher ist dies idealtypisch dargestellt, denn schon immer haben Staaten und Organisationen versucht, auch neue Medienkanäle von Beginn an zu kontrollieren und zu manipulieren. Doch betrachten wir den anfänglichen Wunsch der frühen Internet-Gemeinde einen Raum zu schaffen, der durch kollektive Autonomie gegenüber Autoritäten geprägt war, so erkennen wir heute, dass das Internet einerseits durch E-Commerce und Lifestyle geprägt ist und andererseits Entwicklungen, wie die Open Source Bewegung oder Wikipedia stark unter Beobachtungsdruck geraten. Die aktuelle Überwachung findet deshalb statt, da die (staatliche) Kontrolle über das Internet zurückgewonnen werden soll.

Und das wird durch eine seit den 1990er-Jahren schleichende Entwicklung im Internet unterstützt oder bietet sich hierzu idealerweise an: Das Sammeln und Verarbeiten von Daten jeglicher Art. Die Software-Industrie hat hierzu die Möglichkeit geschaffen, dass das Aufspüren von individuellen Spuren im Internet anonym oder persönlich geschehen kann. Es scheint geradezu ein zwanghaftes Verlangen von Software-Entwicklern geworden zu sein, Unmengen an Daten bei jedem Klick zu erzeugen und zu speichern.

Damit zeigt dieser Zweig unserer technologischen Entwicklung sein wahres Gesicht: Software als Methode Daten zu produzieren, zu analysieren, zu speichern und mit ähnlichen Daten zu vergleichen. Jede unserer Handlungen, Klicks und Aktionen – so z.B. das Klicken auf einen Button – findet gleichzeitig auf zwei Ebene statt: einer menschlichen Ebene der (kulturellen) Kommunikation zwischen zwei oder mehr Menschen und der Ebene der maschinenlesbaren Ebene der Daten, die ein Softwarealgorithmus speichert. Daher versuchen ja Blogger die Ebene der maschinenlesbaren Datenebene über Methoden, wie SEO zu manipulieren. SEO ist in dieser Betrachtungsweise der menschliche Versuch mit einem Softwarealgorithmus zu kommunizieren und ihm Wohlwollen abzuringen. Bei jeder unserer kommunikativen Handlungen entstehen Daten, die wir nicht sehen und erkennen können, da diese im unendlichen Strom der Datenmanipulation, statistischen Auswertungen und Trendanalysen sich heute ständig ändern und neuen Datenpools zugeführt und angepasst werden.

Menschen kommunizieren nicht mit Hashtags

Kommunikation ist sinnhafter Austausch zwischen mindestens zwei Menschen mit dem Ziel, Verständigung herbeizuführen. Form und Inhalt einer solchen Kommunikation sind nur auf sehr niedriger Ebene standardisiert. Wir erleben Kommunikation daher nicht nur durch Sprache sondern auch über Emotion, Gesten und körperlichen Austausch. In jeder zwischen Menschen geführten Kommunikation gelten Unerwartetes, Einmaliges oder auch die Kombination von Erwartungshaltung und Kommunikationsrealität als ein entscheidendes Element, damit sich etwas tief in unserem Gedächtnis eingräbt. Dann erst entstehen Daten, aber auch Emotionen als gespeichertes assoziatives Ereignis.

Die menschlichen Kommunikationsfilter arbeiten hier gegenüber Softwarealgorithmen enorm effektiv.

Die Filter, die heutige Datencluster oder Zeitdatenströme anbieten sind dagegen rudimentär oder gar bewusst nicht verankert. Und wir müssen in unserer menschlichen Kommunikation eines erreichen: der Sprecher muss den Zuhörer erreichen und in ihm Reaktionen auslösen. Der Zuhörer muss zudem das Gesagte verstehen und reflektieren können, um einen Dialog stattfinden lassen zu können. Daher macht die menschliche Vielfalt von Meinungen, Gedanken und dem geschriebenen Wort erst eine (Kommunikations-)Kultur aus. Jede Kommunikation zwischen zwei Menschen ist einzigartig und kann nicht einfach einer einfachen Kategorisierung unterworfen werden.

Geschützte kommunikative Räume

Daher ist es interessant, dass sich schon sehr früh im Internet Strukturen bildeten, die als Communities bezeichnet wurden. Ein bewusster Ausschluss von Nicht-Gleichgesinnten führte in den frühen Foren und Broadcast-Systemen dazu, dass das Verständnis des Diskutierten extrem hoch war. Im Gegensatz zu heute, wo ein Forum, wie Twitter diesen geschützten Raum gar nicht mehr bietet. Alles ist öffentlich und durch Hashtags kategorisiert, wir erleben hier ein Schubladen-Denken der Akteure.

Skalierbare, zentralistische und ungefilterte Datensammelwut

Doch die vielen Datenbanken, DataCenter und Bewegungsdaten des Internet werden komplett neu strukturiert. Daten sind die Domaine der Maschinen und Softwarealgorithmen. Daten müssen, da sie die Domaine der Maschinen sind, hochgradig standardisiert werden und sein. Oft wird von Inkompatibilität gesprochen, wenn wir nur Dokumente im Rahmen von zwei unterschiedlichen Textverarbeitungssystemen austauschen wollen. Selbst unsere Worte und Sätze werden als Daten behandelt und sind diese von System zu System unterschiedlich strukturiert, so verlieren unsere Worte und Sätze vollkommen die Lesbarkeit für einen anderen Softwarealgorithmus. Die Tragweite dieser Tatsache wird komplett unterschätzt.

Es wird zukünftig vorausgesetzt, dass wir in allen unseren Lebensbereichen softwarekonform kommunizieren beginnen, da eine Hauptbeschäftigung die Kommunikation mit Maschinen sein wird.

Und darüber hinaus berechnet sich ein Wert von Daten dadurch, dass diese einheitlich von verschiedensten Maschinen gelesen, analysiert und verarbeitet werden können. Damit sind Daten vertikale Strukturen. Daten repräsentieren gar keine Ergebnisse oder Erkenntnisse, sondern sind nur Stoff für weitere Algorithmen, die von anderen Softwaresystemen und Maschinen erkannt und weiterverarbeitet werden können.

Damit werden die Daten-Cluster der Softwarealgorithmen zentralisiert, standardisiert und skalierbar abgelegt. Daher werden Daten seit Jahrzehnten auch nicht mehr gelöscht. Umso mehr Daten Algorithmen zur Verfügung haben, praktisch als Rohmasse für vertikale Analysen, umso mehr können wir fast beliebig tief in die einzelnen Datensätze etwas hineininterpretieren, was vielleicht in Gesamtsicht gar nicht möglich wäre. Diese vertikale, skalierbare, zentralisierte und standardisierte Denk- und Handlungsweise ist dem menschlichen Wesen vollkommen fremd. Wir leben derzeit in dem Jahrzehnt der filterlosen Datensammelwut angetrieben von einzelnen privatwirtschaftlichen und staatlichen (Macht-)Konzernen. Damit hat sich das Gesicht des Internet vollkommen geändert: Vom Prinzip der Community hin zum DataCenter der globalen Konzerne.

Unser Hunger nach Aufmerksamkeit

In einer Welt der Datenalgorithmen, der ständigen Flut von neuen Informationen und einer unendlichen Bilder- und Videoflut verführt uns das neue Medium Internet dazu, Teilhaber werden zu wollen in der Gestaltung einer neuen, schönen digitalen Welt. Die Möglichkeiten hierzu scheinen seit dem Massenphänomen der Digitalkamera und dem Smartphone kostenlos und im Rhythmus der digitalen Updatezyklen jederzeit für jeden Menschen, an jedem Ort und zu jeder Zeit möglich zu sein.

Doch Bilder, Texte und Videosequenzen sind heute nicht nur Bilder, Texte und Kurzvideos, sie sind mit GPS-Daten, Bilddaten, App-Daten und vielen anderen Datenelementen ausgestattet und verbunden. Und dies nicht erst dann, wenn diese Medienelemente öffentlich gemacht werden, etwa durch eine SMS oder einen Post. Jedes Medienelement wird schon beim Erstellen mit diesen Daten lokal am Smartphone, Notebook, Tablet-Computer oder Digitalkamera praktisch damit ausgestattet und steht nach Veröffentlichung dem globalen Datenspeicher als weiteres vertikales Datenelement zur Verfügung, wertet die Lokalität auf und führt der globalen Informationsstruktur weitere personalisierte Datencluster zu.

Dies wird unsere digitale Spur, unseres digitalen Seins genannt und lässt jederzeit, an jedem Ort und zu jeder Zeit eine vertikale, skalierbare Analyse des digitalen Seins zu. Damit reduzieren sich unsere Tätigkeiten, Erkenntnisse, Gedanken und Wünsche auf einen ständig wachsenden eigenen Datencluster.

Weiter bietet sich erst dadurch die Möglichkeit schnell und einfach Aufmerksamkeit zu erregen, insbesondere dann, wenn verschiedenste Lebensbereiche diese Daten über die digitale Signatur öffentlich machen. Es scheint so, das man dadurch tiefe Einblicke in den Charakter, die Motivation und die Wünsche von Menschen erhält, allerdings nur als Datenkonstrukt auf einem Zeitstrahl der digitalen Tätigkeiten. Oder warum findet man etwa erst dann Verbrecher in dem unendlich (genauen) Datenströmen, wenn man weiß, was man zu suchen hat? Hier zeigt sich die Schwäche einer vertikalen Analysemethode. Man könnte sarkastisch behaupten, man findet heute alles, wenn man weiß was als Ergebnis zur Verfügung stehen soll. Der Hunger nach Aufmerksamkeit produziert heute eine digitale Signatur, die von jedem von uns eine gespaltene und multiple Persönlichkeit im Digitalen produziert und entstehen lässt.

Der Cyberspace ist nicht Abbild unserer Selbst, sondern nur ein Datenfriedhof von Informations- und Medienelementen all der Softwarealgorithmen, die heute ständig neue Daten für die großen Datencluster von uns produzieren. Damit wächst die Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Digital-Universum.

Quellennachweis

  • Überwachtes Netz, Hrsg. Markus Beckedahl und Andre Meister, newthinking communication, Berlin (siehe auch Netzpolitik.org)
  • Die Google Gesellschaft, Hrsg. Lai Lehmann, Michael Schetsche, transcript Verlag
  • Die kollektive IntelligenzPierre Levy, Bollmann Kommunikation & Neue Medien
  • Das Medium ist die MessageMarshall McLuhan, Tropen Sachbuch
  • Gutenberg Galaxis, Marshall McLuhan, Tropen Sachbuch
  • Was ist Kommunikation?, Manfred Faßler, UTB Verlag
  • Das Cluetrain Manifest (ursprüngliche Version), Rick Levine, Christopher Locke, Doc Searls, David Weinberger, Econ Verlag; Erweiterungen New Clues (2015)

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