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Digitale Kulturkritik: Reverse Engineering der täglichen Information (Teil 2)

Digitale Kulturkritik: Reverse Engineering der täglichen Information (Teil 2)

Die Auffassung, was Arbeit und Privatsphäre für jeden von uns bedeutet, ändert sich seit fast drei Jahrzehnten schleichend und unaufhaltsam. Wir akzeptieren inzwischen Methoden und Arbeitsweisen, die vor Jahren noch als undenkbar gegolten haben. Arbeitswelt und Privatsphäre sind heute eins geworden, wir sind gefordert ständig online zu sein, mit der digitalen Umwelt kostenlos zu interagieren und auch einmal eine berufliche eMail am Wochenende “schnell” zu bearbeiten. Doch fragen wir uns, wie diese asynchrone Arbeitswelt unser Zeitempfinden zu stören beginnt, da wir ja unaufhaltsam in einen digitalen Strom von Fordern und Reagieren inzwischen schwimmen gelernt haben.

Die Arbeitswelt wird von Technologie dominiert

Technologie scheint heute immer mehr sozial und auf ständige Zusammenarbeit in Netzwerken ausgerichtet zu sein. Technologie soll Mitarbeiter in ihrer Freiheit stärken, den Austausch von Informationen fördern, Echtzeit-Kommunikation ermöglichen und das Phänomen der Vernetzung von der Arbeitswelt in die Privatsphäre und umgekehrt anstoßen. Doch das ist nur eine Seite der Medaille, die andere Seite heißt für den Menschen von heute: Die Zeit hat eine andere Qualität erhalten, denn die Mobilität fordert ständige Beschäftigung mit Forderungen und Meldungen aus den verschiedensten Netzwerken mit denen wir uns inzwischen beruflich und privat umgeben und verbunden haben. Und wir können nicht mehr richtig unterscheiden, welche Tätigkeit denn nun privat oder beruflich ist. Unternehmen fordern heute geschickt die ständige Online-Präsenz seiner Mitarbeiter. Hierzu erhalten Mitarbeiter ja oft auch “kostenlos” ein Smartphone. Geschickt können Unternehmen so in die Privatsphäre ihrer Mitarbeiter eindringen und dies mit “normalen” Personaldaten verknüpfen. Der Beginn der Totalüberwachung der Mitarbeiter durch ein Unternehmen.

Evolution der Arbeitswelt heißt Netzwerk-Kapitalismus

Der ideale Arbeitsplatz von morgen ist Teil eines offenen Systems, in dem Arbeitnehmer eigenverantwortlich ihr Wissen und ihre Fähigkeiten teilen und ihre Arbeitsergebnisse über digitale Betriebsstätten (Webportale) anbieten und (teilweise kostenfrei) zur Verfügung stellen. Der Arbeitnehmer von morgen dürfte keine Festanstellung mehr haben, arbeitet projektbezogen und ist für sein Einkommen und seine Sicherung selbst verantwortlich. Nur so kann man die Forderung der Politik in unserem Lande verstehen, warum Programmierkenntnisse und betriebswirtschaftliches Know-how praktisch schon von Kindesbeinen an geübt und gelernt werden soll. Damit hat das Zeitalter des Netzwerk-Kapitalismus schon längst begonnen. Netzwerk-Kapitalismus heißt, dass wir nicht mehr nur unsere Fähigkeiten mit anderen Menschen messen, sondern gegen Software und Internet-Konzerne und deren Technologien antreten. Netzwerk-Kapitalismus heißt dann auch, immer kostengünstiger seine eigenen Fähigkeiten und sein Wissen anzubieten.

Um es klar und deutlich zu sagen: Das Internet wird heute von Unternehmen genutzt um Personalkosten zu reduzieren, denn man findet immer jemanden, der sich überreden lässt, doch einige Aufträge praktisch als Visitenkarte seiner selbst, kostenlos abzuarbeiten.

Unternehmen lieben den heutigen “digitalen Nerd”. Denn er gilt als Blaupause eines zukünftigen Arbeiters, der als ICH-Marke einen Unternehmenstypus darstellt, der anonym für spezielle Aufgaben einfach ohne großes finanzielles Risiko, hinzugebucht werden kann. Blogger gelten heute schon mit ihrer Arbeits- und Lebensweise als Vorboten einer Arbeitswelt der ICH-Marken und ICH-Unternehmen. Kennzeichen: gut ausgebildet, eine für Unternehmen kostenneutrale IT-Infrastruktur im HomeOffice, sehr gut vernetzt im Internet und im globalen Preis- und Zeitkampf bestens situiert. Man nennt dies heute von Seiten der Unternehmen: steuer- und kostenoptimierte Web-Arbeiter.

Menschliche Arbeit heißt Kampf gegen Softwarealgorithmen

Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Projektarbeiter, Blogger und Journalisten leiden heute alle am gleichen Phänomen: Geschwindigkeit. In einer Welt der Datenalgorithmen, der ständigen Flut von neuen Informationen und einer unendlichen Bilder- und Videoflut, verführt uns das Medium Internet dazu, Teilhaber werden zu wollen in der Gestaltung einer neuen, schönen digitalen Welt. Die Möglichkeiten hierzu scheinen seit dem Massenphänomen der Digitalkamera und dem Smartphone kostenlos und im Rhythmus der digitalen Updatezyklen jederzeit für jeden Menschen an jedem Ort und zu jeder Zeit, möglich zu sein. Und dies nicht nur in unserer Freizeit, wenn wir vielleicht Facebook nutzen, um unsere Urlaubserlebnisse mit “digitalen Freunden” zu teilen.

Die Arbeitswelt ist inzwischen eingebunden in den Rhythmus der Update-Zyklen von Software-Algorithmen und deren Fähigkeit beliebig viele strukturierte und unstrukturierte Daten zu erzeugen, zu speichern, zu analysieren und zu verarbeiten. Fast unbemerkt haben sich die großen Internet-Konzerne einen Wettbewerbsvorteil gegenüber einer noch so guten Marketing- und Vertriebsabteilung eines Unternehmens verschafft: Die Möglichkeit die Geschwindigkeit von Informationen drastisch zu erhöhen und sich damit die absolute Aufmerksamkeit zu sichern. Hilflos wird “gegoogelt” und Methoden zur Vermarktung (siehe AdWords von Google) genutzt, die diesen Zeitrhythmus in jeden Geschäftsprozess eines Unternehmens integriert. Meine Frage wäre hier an dieser Stelle: Sind sie sich dem als Unternehmer bewusst, dass Google, Microsoft, Apple und Yahoo inzwischen ihre Geschäftsprozesse besser kennen als sie als Unternehmer?

Oder kennen sie das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben, da ihnen Google mitteilt, dass ihre Marketing-Kampagnen leider mehr kosten werden, da sie nicht die (für Google) passenden Schlüsselwörter (Keywords) mehr verwenden. Schon bricht Hektik und Stress im Marketing und Vertrieb aus und man ist einen Tag damit beschäftigt wieder alles Google-konform zu verändern.

Damit zeigt dieser Zweig unserer technologischen Entwicklung sein wahres Gesicht: Software als Methode Daten zu produzieren, zu analysieren, zu speichern und mit ähnlichen Daten zu vergleichen. Jede unserer Handlungen, Klicks und Aktionen – so z.B. das Klicken auf einen Button – stößt gleichzeitig ein digitales Kopieren in einer der vielen Datenbanken des Internet an. Bei jeder unserer kommunikativen Handlungen entstehen somit Daten, die wir nicht sehen und erkennen können, da diese im unendlichen Strom der Datenmanipulation, statistischen Auswertungen und Trendanalysen sich heute ständig ändern und neuen Datenpools zugeführt und angepasst werden.

Die Politik unterlässt eine Diskussion, was Arbeit zukünftig bedeutet

Es wird in der Öffentlichkeit gar nicht diskutiert – da nicht erkannt – welche Auswirkungen diese Algorithmen (und deren enorme Arbeitsgeschwindigkeiten) auf uns selbst, auf Unternehmen und unsere Kultur haben werden.

Doch die vielen Datenbanken, Rechenzentren und Bewegungsdaten des Internet werden derzeit komplett neu strukturiert. Daten sind die Domäne der Maschinen und Softwarealgorithmen. Daten müssen – da sie die Domäne der Maschinen sind – hochgradig standardisiert werden und sein. Oft wird von Inkompatibilität gesprochen, wenn wir nur Dokumente im Rahmen von zwei unterschiedlichen Textverarbeitungssystemen austauschen wollen. Selbst unsere Worte und Sätze werden als Daten behandelt und sind diese von System zu System unterschiedlich strukturiert, so verlieren unsere Worte und Sätze vollkommen die Lesbarkeit für einen anderen Softwarealgorithmus. Die Tragweite dieser Tatsache wird komplett unterschätzt.

Es wird zukünftig vorausgesetzt, dass wir in allen unseren Lebensbereichen – ob Arbeit oder Freizeit – Software-konform kommunizieren beginnen, da eine Hauptbeschäftigung die Kommunikation mit Maschinen sein wird.

Und darüber hinaus berechnet sich ein Wert von Daten dadurch, dass diese einheitlich von verschiedensten Maschinen gelesen, analysiert und verarbeitet werden können. Damit sind Daten vertikale Strukturen. Daten repräsentieren gar keine Ergebnisse oder Erkenntnisse, sondern sind nur Stoff für weitere Algorithmen, die von anderen Softwaresystemen und Maschinen erkannt und weiterverarbeitet werden können.

Und die Politik? Welche Antworten werden uns dort angeboten? Keine! Man spricht vom neuen Wohlstand in einer von Wissen und Information geprägten Gesellschaft. Die Informations- und Wissensgesellschaft wird als neue heile Welt dargestellt und Menschen, die durch Computer, Software und Informationssysteme so arbeiten können, wie Unternehmen es gerne hätten: 7×24 Stunden. Selbst die Gewerkschaften geben falsche Antworten auf diese Fragen. Eine Beschäftigung mit einer multimedial-vernetzten Gesellschaft, den Medien an sich oder den ständig steigenden Zeitaufwand für berufliche Tätigkeiten, werden komplett ignoriert. Man diskutiert über einen Mindestlohn, vergisst aber über die “Mindestzeit ohne Arbeit” zu sprechen. Wenn die Informationsarbeit, die Forderung von Unternehmen sich in seiner Freizeit ständig weiterzubilden (natürlich kostenneutral für Unternehmen) und die ständige Erreichbarkeit über digitale Kommunikationskanäle Forderungen der Zukunft sind, dann wäre eine zentrale Fragestellung an die Politik: Wie soll denn Wohlstand entstehen, wenn kein Einkommen und keine Absicherung für das Alter mehr selbstverständlich sind.

Zeitdilemma, Hashtags, Filter und analoge Denk- und Handlungsweisen

Menschen, die als Web-Arbeiter arbeiten, kennen das Gefühl der überforderten, nervösen Leere. Nach Monaten und Jahren eines solchen Arbeitens, hat jede Information im Web nur noch eine Bedeutung: Als Post verteilt zu werden, um zu existieren. Ich poste also bin ich. So könnte die neue Aufmerksamkeit und das neue Selbstverständnis zu Arbeit und Zeit beschrieben werden.

Die Auseinandersetzung mit dem Wirtschaftsgut Information, dessen Geschwindigkeit der Verteilung, deren Kategorisierung (Hashtag in der Fachsprache des Internet) und der ständigen Analyse von Daten eines Unternehmens, werden neue Denk- und Handlungsweisen fordern. Und das nicht erst 2030, wenn wir sicher keine Rente mehr erhalten werden, sondern heute und jetzt. Damit ist das menschliche Bewusstsein wieder einmal gefordert, seine enormen analogen Filtersysteme, die auch heute noch jedem digitalen Filtersystem überlegen sind, weiter zu entwickeln. Analoge Denk- und Handlungsweisen haben nichts mit überkommenen Strukturen zu tun. Verfolgt man Diskussionen in der Internet-Szene, so fällt auf, dass viele Web-Arbeiter immer und immer wieder auf die Zeitproblematik durch Software-Systeme fokussieren. Vielleicht muss sich die zukünftige Arbeitswelt komplett neu denken und Privatsphäre bewusst wieder schaffen, damit weiter Kreativität und Innovationen entstehen können. Wir leben heute nicht in einer Informationsgesellschaft, sondern in einer Gesellschaft, die durch enormen Konsum, immer höheren Gewinnerwartungen von Unternehmen und deren Investoren, einer Finanz(schatten)wirtschaft und einer erwachenden Beschäftigung mit uns selbst als Mensch, geprägt ist. Das Zeitdilemma, das wir derzeit erleben, sollte uns wieder zu dem führen, was wir wirklich sind: Menschen.

Weitere Beiträge zur digitalen Kulturkritik (Vorab-Veröffentlichung aus meinem E-Book #Hashtag! – Ich poste also bin ich.) …

 

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