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Digitale Kulturkritik: Leben mit der digitalen Übermacht (Teil 1)

Digitale Kulturkritik: Leben mit der digitalen Übermacht (Teil 1)

Die fast ständige Interaktionen mit dem digitalen Universum heute in unserem Leben muss uns zur Erkenntnis führen, dass wir immer noch Menschen sind, so wie es im Cluetrain Manifest, These 2 definiert steht: „Die Märkte bestehen aus Menschen, nicht aus demografischen Kategorien.“

Wir führen keine Diskussion zum Verständnis der digitalen Welt

Die Millionen Datenpunkte, die Unternehmen heute rund um die Uhr direkt zu ihren Mitarbeitern und Kunden besitzen, erlauben tiefste Einblicke in Seelenzustände, Befindlichkeiten, Wünsche, Schwächen und Abgründe. Demnächst wird das Smartphones Entscheidungen seinen Besitzern abnehmen können. Diese Entwicklung macht Privatpersonen, Gruppen von Menschen und Mitarbeiter zu vollständig durchleuchteten, vorhersagbaren Wesen. So könnte man, wie Martin Weigert (netzwertig.de) in einem Blogbeitrag beschreibt, die derzeitige Situation – Was ist denn überhaupt noch Privatsphäre? – beschreiben.

Deutschland führt keine NSA-Diskussion

Wir erleben derzeit eine fast paradoxe Berichterstattung über die Enthüllung von Edward Snowden in Bezug auf die NSA Affäre. Abgesehen von der seltsamen Diskussion in Deutschland, als bekannt wurde, dass auch Frau Merkel abgehört wurde, so müsste doch das offensichtliche Verweigern einer Befragung des Hauptzeugen Edward Snowden zu einem grundsätzlichen Nachdenken über die Arbeit eines Untersuchungsausschusses führen. Man stelle sich diese Situation bei einem Mordprozess vor: Der Zeuge des Mordes wird nicht befragt, da es politisch nicht korrekt ist. Wahrheit wird inzwischen in Deutschland mit dem Etikett: Wahr, wenn (politisch) nützlich, versehen.

Quantencomputer der Schlüssel zur Totalüberwachung?

Interessant ist auch, dass die Berichte in der NSA Affäre auf die reine Übermittlung von Statistikdaten reduziert wird und nicht, wie technologisch und logistisch eine solche Überwachung aussehen könnte. 5 Milliarden Telefonate pro Tag zu analysieren, zu speichern und auszuwerten – als Teil einer Gesamtüberwachung des Internet – ist ja nicht ganz so einfach.

Zu Beginn der NSA Affäre war zu lesen, dass die Entwicklung von Quanten-Computern durch die kanadische Hightech-Schmiede D-Wave über ein Forschungsprojekt “Quantum Artificial Intelligence Labs” (Google und die US amerikanische Weltraumbehörde NASA arbeiten in diesem Forschungsprojekt zusammen), gelöst sei. Obwohl die Skepsis weiterhin von Seiten der Wissenschaft groß ist, dass D-Wave wirklich einen Quantencomputer gebaut hat, lässt sich aus der Diskussion doch schließen, dass die Entwicklung von Supercomputern anders verläuft, als von der Öffentlichkeit wahrgenommen.

Sind diese Entwicklungen nicht der Schlüssel zum Verständnis, welche Möglichkeiten zukünftig, technologisch zur Totalüberwachung zur Verfügung stehen werden? Ganz abgesehen davon, dass Unternehmen heute schon in etwas abgeschwächter Form, jeglichen Daten- und Privatsphärenschutz umgehen, um an private Informationen “ihrer” Mitarbeiter zu gelangen. Die heute eingesetzten Technologien in Unternehmen können nicht nur in Echtzeit Finanzdaten analysieren, sondern sozusagen als Abfallprodukt, auch gleich alle Mitarbeiter.

Die Nutzung privater Daten wird heute als normal angesehen

Diskutiert wird über die Daten-Sammelwut von Google, Microsoft, Apple und anderen Unternehmen im Internet, wir übersehen aber komplett eine schleichende Entwicklung in der Totalüberwachung an unserem Arbeitsplatz. Insbesondere Unternehmen nutzen diese Methoden um an persönliche Daten der Mitarbeiter zu gelangen. Natürlich nur zum Besten für den Mitarbeiter.

Bevor sie überhaupt Mitarbeiter eines Unternehmens werden, können sie davon ausgehen, dass alle sozialen Netzwerke systematisch durchforstet wurden, um an private Daten zu gelangen, diese abzugleichen und ein internes Profil ihrer Persönlichkeit zu erstellen (Profiling würden das Kriminalbeamte nennen). Daher ist es ja inzwischen vollkommen normal, Fragen in Bezug auf sein eignes soziales Profil in einem Vorstellungsgespräch zu beantworten.

Ist man dann erst einmal eingestellt, so wird man feststellen, dass Unternehmen es als vollkommen normal ansehen, ihre Kontakte, die sie in (sozialen) Netzwerken haben, gleich für Marketing und Vertrieb zu nutzen. Kleine Software-Helfer, die es ermöglichen Kontaktdaten aus privaten Netzwerken zu exportieren und in die eigene Unternehmens-Adressdatenbank zu importieren, werden gerne genutzt. Oder Mitarbeiter werden angehalten, doch von nun an auch über das Unternehmen, für das sie tätig sind, auch in ihrer privaten Kommunikation in diesen Netzwerken positiv zu berichten.

Daher ist es auch eher kritisch zu sehen, dass Unternehmen (Trendwort: Social Enterprise – zu deutsch: das soziale Unternehmen) Technologien zu nutzen, die sie bisher vielleicht nur von Facebook und Co. kennengelernt haben. Überwacht man heute ihre Arbeitszeit per Software und analysiert ihre eMail in Echtzeit am Arbeitsplatz, so hätte man auch gerne, dass sie so, wie sie privat in Facebook kommunizieren, von nun an auch mit ihren Kollegen im Unternehmen kommunizieren. Dann könnte man die Algorithmen dieser sozialen Netzwerke gleich auch noch nutzen, um ihre Motivation und ihre Stimmung zu bewerten. Zukünftig sollten sie nicht überrascht sein, wenn sie plötzlich einen Termin in der Personalabteilung kurzfristig wahrnehmen müssen, um zu erklären, warum ihre Wortwahl im Chat-Programm heute so negativ ist und ihre Bewegungsdaten im Unternehmen auf viele Kaffeepausen schließen lassen.

Ist Information überhaupt noch Information oder nur Meta-Information

Die Speicherung von beliebig großen Daten- und Informationsmengen, seien es noch klassische Datenbanken oder Beziehungs- und Bewegungsdaten, unterliegen keinen Beschränkungen mehr. Da wir zu Beginn der Ära “The Internet of Things” stehen, werden in Kürze auch ganz “normale” Daten, wie Mobilitätsdaten von Dingen und Kleidung, privat genutzten Drohnen, Haustechnikdaten, Daten von Datenbrillen (Google Glasses) und fast jede lokale Information in Verbindung mit Bewegungsdaten von Menschen, zur Verfügung stehen.

Hier stellt sich die Frage, welche Daten wir denn als Information, vielleicht sogar als exklusive Information (Wissen) verstehen. Der fast unbegrenzten Anzahl von Verknüpfungen von Daten mit realen Objekten und Menschen ist heute schon keine Grenze mehr gesetzt. Der Mensch wird durch das Internet gezwungen werden, Meta-Daten als Real-Daten zu begreifen. Doch was sind Meta-Daten? Unter Meta-Daten versteht man Informationen, die durch Kombination und Variation unterschiedlichster Quellen, scheinbar neue Informationen entstehen lassen.

Wenn wir heute die Informationsströme von Twitter und Facebook verfolgen, so lässt sich relativ schnell erkennen, dass ein systematisches Filtern von “unbrauchbaren” Informationen durch Software-Systeme stattfindet. Die Kategorisierung einer Information oder Nachricht geschieht heute nicht durch die Bewertung eines menschlichen Experten (und sein Wissen), sondern über Software-Systeme, die auf Basis der Millionen Datenpunkte einer digitalen Existenz etwas für sinnvoll oder unbrauchbar klassifiziert.

Damit stehen wir heute am Beginn einer Phase, in der der Mensch selbst durch sein digitales Abbild zum Informationsgut wird. Zukünftige Arbeitgeber werden also nicht mehr entscheiden, welche Fähigkeiten der Mensch anzubieten hat, sondern schon vorab seine digitale Identität befragen, ob diese die gewünschten Aufgaben erfüllen kann und dann den Auftrag an diese digitale Identität vergeben. Sie als Mensch haben dann nur noch die Aufgabe entsprechend “gute und verwertbare” Daten zu produzieren und das natürlich kostenlos. Schöne, neue Welt möchte man da sagen.

Weitere Beiträge zur digitalen Kulturkritik (Vorab-Veröffentlichung aus meinem E-Book #Hashtag! – Ich poste also bin ich.) …

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