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Digitale Kulturkritik: Datenalgorithmen beherrschen die Welt (Teil 3)

Digitale Kulturkritik: Datenalgorithmen beherrschen die Welt (Teil 3)

Unser Hunger nach Aufmerksamkeit

In einer Welt der Datenalgorithmen, der ständigen Flut von neuen Informationen und einer unendlichen Bilder- und Videoflut verführt uns das neue Medium Internet dazu, Teilhaber werden zu wollen in der Gestaltung einer neuen, schönen digitalen Welt. Die Möglichkeiten hierzu scheinen seit dem Massenphänomen der Digitalkamera und dem Smartphone fast kostenlos und im Rhythmus der digitalen Updatezyklen jederzeit für jeden Menschen, an jedem Ort und zu jeder Zeit möglich zu sein.

Doch Bilder, Texte und Videosequenzen sind heute nicht nur Bilder, Texte und Kurzvideos, sie sind mit GPS-Daten, Bilddaten, App-Daten und vielen anderen Datenelementen ausgestattet und verbunden. Und dies nicht erst dann, wenn diese Medienelemente öffentlich gemacht werden, etwa durch eine SMS oder einen Post. Jedes Medienelement wird schon beim Erstellen mit diesen Daten lokal am Smartphone, Notebook, Tablet-Computer oder Digitalkamera praktisch damit ausgestattet und steht nach Veröffentlichung dem globalen Datenspeicher als weiteres vertikales Datenelement zur Verfügung, wertet die Lokalität auf und führt der globalen Informationsstruktur weitere personalisierte Datencluster zu.

Dies wird unsere digitale Spur, unser digitales Sein, genannt und lässt jederzeit, an jedem Ort und zu jeder Zeit eine vertikale, skalierbare Analyse zu. Damit reduzieren sich unsere Tätigkeiten, Erkenntnisse, Gedanken und Wünsche auf einen ständig wachsenden eigenen Datencluster.

Weiter bietet sich erst dadurch die Möglichkeit, schnell und einfach Aufmerksamkeit zu erregen, insbesondere dann, wenn verschiedenste Lebensbereiche diese Daten über die digitale Signatur öffentlich machen. Es scheint so, dass man dadurch tiefe Einblicke in den Charakter, die Motivation und die Wünsche von Menschen erhält, allerdings nur als Datenkonstrukt auf einem Zeitstrahl der digitalen Tätigkeiten. Oder warum findet man etwa erst dann Verbrecher in dem unendlich (genauen) Datenströmen, wenn man weiß, was man zu suchen hat? Hier zeigt sich die Schwäche einer vertikalen Analysemethode. Man könnte sarkastisch behaupten, man findet heute alles, wenn man weiß was als Ergebnis dann zur Verfügung stehen soll. Der Hunger nach Aufmerksamkeit produziert heute eine digitale Signatur, die von jedem von uns eine gespaltene und multiple Persönlichkeit im Digitalen produziert und entstehen lässt. Der Cyberspace ist nicht Abbild unseres Ichs, sondern nur ein Datenfriedhof von Informations- und Medienelementen all der Softwarealgorithmen, die heute ständig neue Daten für die großen Datencluster von uns produzieren.

Die Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Digital-Universum

Einer meiner letzten Arbeitgeber wurde im Laufe der Zeit immer hektischer und nervöser, da ich für meine persönlichen Notizen mehrere Moleskine Notizbücher nutzte. Ich wurde aufgefordert, den Inhalt dieser Notizbücher zu digitalisieren und als Datei auf meinem Arbeitscomputer vorzuhalten. Ich weigerte mich, dies zu tun. Dieses Beispiel zeigt, dass heute nicht nur staatliche Organisationen und Geheimdienste Zugriff auf jegliche Art von Informationen bekommen wollen, sondern insbesondere auch Unternehmen von ihren Mitarbeitern. Alles wird als öffentliches Eigentum betrachtet und sei es nur eine kurze Notiz in einem Moleskine Notizbuch. Hier erleben wir den Beginn einer vertikalen Denk- und Handlungsweise von Seiten der Unternehmen oder auch von Privatpersonen. Und die Aussage von Marc Zuckerberg (Gründer von Facebook), in Zukunft wird es keine Privatsphäre mehr geben und damit eine bessere Welt, kann als schizophren angesehen werden. Hier haben Softwarealgorithmen inzwischen die natürliche Denk- und Handlungsweise eines Menschen infiltriert.

Zukunftsvisionen von einer 100% vernetzten Welt, in der jeder Mensch auch die Aufgabe übernimmt, seine Privatsphäre dem globalen digitalen Gedächtnis zur Verfügung zu stellen – für was eigentlich? – wird insbesondere von den Mainstream-Medien gerne als Vision dargestellt, einer sicheren und von Wohlstand geprägten Welt. Warum nur, frage ich mich.

Ist man heute auf Arbeitssuche, so erfährt man ein weiteres Phänomen. Personalabteilungen glauben an Hand der digitalen Signatur des Bewerbers erkennen zu können, ob dieser potenzielle neue Mitarbeiter zum Unternehmen passt, seine Motivation hoch und seine Fähigkeit zu kommunizieren optimal ist. Eine der Haupttätigkeiten dieser Personalverantwortlichen beschränkt sich inzwischen fast ausschließlich auf das Scannen von sozialen digitalen Netzwerken (und deren Datensammlungen). Und es haben sich inzwischen auch Autoren gefunden, die Hinweise geben, wie Profile in solchen Netzwerken online am besten auf Personalverantwortliche wirken.

Damit bewegt sich eine strategische Unternehmenseinheit in den Bereich des Datenmüll-Auswertens und einer vertikal, statistisch geprägten Sichtweise gegenüber Menschen. Ich frage mich manchmal, ob die Personalverantwortlichen heute – in ihrer Zeit gab es ja Facebook noch nicht – nicht ebenso, wie die Bewerber betrunken und seltsam gekleidet damals ihre Jugend genossen haben. Dies aber beim Vorstellungsgespräch ja nicht sichtbar war, da weder digitale Bilder, Facebook-Einträge und eine digitale Signatur herangezogen werden konnte. Man muss sich heute wirklich fragen, wie viele damals in ihren Jugendjahren betrunkene, grölende, seltsam gekleidete Jugendliche heute Führungspositionen haben und just heute über junge Menschen urteilen, die nur gleiche Jugendsündenmuster vorzuweisen haben.

Der harte Weg zurück ins eigene analoge private Leben

Die Unsichtbarkeit in einer von digitalen Prozessen dominierten Welt kann heute nur noch erreicht werden, wenn wir analoge Filter anwenden und uns wieder ein eigenes, analoges und privates Leben selbst zugestehen wollen. Derzeit existieren mehrere Generationen, die unterschiedliche Zugänge zu diesem digitalen Universum haben. Die Generation 50+ ist heute die Generation, die auch noch Geschäftsprozesse und Privatsphäre anders in ihrer Jugend erlebt haben, als heute z.B. Jugendliche zwischen 12 und 20 Jahren. Die Selbstverständlichkeit mit der heute digitale Endgeräte genutzt werden, wurde erst nach dem Jahr 2005 als normal eingestuft. Die Unsichtbarkeit und gleichzeitige Dominanz des Internet – hier mag die Suche nach Informationen als Beispiel dienen; wir googeln ja heute – hat durch die Aufrüstung von Fest- und insbesondere Mobilfunknetzen vor ungefähr 9-10 Jahren begonnen. Das Smartphone, insbesondere das iPhone, kann hier als Wendepunkt in der Nutzung von digitalen Endgeräten (Devices) Pate stehen. Das Smartphone hat nicht nur das Internet mobil, sondern auch den Desktop-Computer mit seinen Standard-Programmen überflüssig gemacht. Kalender, Adressdaten, ToDo-Listen und Notizen werden heute typischerweise über das Smartphone erledigt und nicht mehr über Desktop-Programme.

Daher spricht man ja auch von Apps, kleine Helferlein, die einem den Tag schon mit dem Wecker besser organisieren helfen sollen. Die Schlüssel-Innovation am Smartphone war die extrem verlängerte Akku-Laufzeit und Rechenleistung dieser Geräte und nicht unbedingt der Touchscreen. Erst die Innovationen Akku- und Rechenleistung garantierten die Mitnahme der fast kompletten Arbeitsumgebung durch ein Smartphone. Man kann es ja sehr gut an sich selbst testen, inwieweit man von seinem ständigen Begleiter abhängig ist, indem man Kalender-, Adress- und ToDo-Daten einfach löscht und die Synchronisation dieser Endgeräte abschaltet. Wissen sie dann noch die Telefonnummer ihrer (realen) Freunde?

Und hier haben wir den Schlüssel zum Zugang zurück in ein analoges privates Leben. Die Apps auf einem Smartphone dominieren heute unseren Arbeitstag (Tablet-PCs sind ja nur große Smartphones), sie werden nicht mehr ausgeschaltet und Push-Nachrichten sind in fast jede App eingebaut. Haben sie schon einmal Twitter, Facebook, WhatsApp, Google+, Kalender, ToDo-Listen und Skype die Genehmigung erteilt, ihnen Push-Nachrichten zu senden? Dann sind sie wahrscheinlich mehr als 8 Stunden beschäftigt alle angeforderten Interaktionen tagsüber abzuarbeiten. Und wann sollen sie dann arbeiten? Die angebliche Möglichkeit der Produktivitäts- und Effektivitätssteigerung existiert definitiv nicht. Dies wurde schon bei der Einführung von eMail in Unternehmen widerlegt. Oder erreichen sie heute einen Geschäftspartner gut am Montagvormittag. Sicher nicht! Denn zu dieser Zeit ist er mit der Abarbeitung von Unmengen von eMails beschäftigt. Ganz abgesehen von den Forderungen mancher Arbeitgeber auch in der Freizeit „schnell“ einmal wichtige eMail zu lesen und „schnell“ zu beantworten.

Der Übergang zum analogen Leben ist Drogenentzug

„4894 Tweets, 256 Nachrichten in Twitter versandt, 287 Retweets, 98 als Favoriten gekennzeichnet und 198 Direct-Messages an die Verfasser abgesetzt, 8 Blogposts mit jeweils durchschnittlich 720 Wörtern geschrieben und veröffentlicht. 16 PR-Meldungen erstellt, diese auf PR-Portalen gepostet, 19 Stunden am Computer, nebenbei 6734 RSS-News gescannt und weit über 250 davon in unterschiedlichsten Netzwerke verteilt, 76 Google-Suchanfragen gestartet und Suchergebnisse in lokale Volltextdatenbank eingestellt, SMSen geschrieben und insgesamt 28 Telefonate geführt, Google Hangout und Skype Videokonferenzen durchgeführt und ständig begleitet von MacBook Air, iMac, iPhone und iPad. Nebenher auch noch digitale Musik und einen digitalen SiFi-Film angesehen. Am Morgen schon vom aufgeladenen iPhone mit einem neuen Weckton aus dem Schlaf gerissen und am Abend das iPhone als letztes Gerät in der Hand, um den Wecker neu zu stellen. Sogar beim Essen von digitalen Assistenten umgeben und selbst beim Einschlafen schon darüber nachdenkend, ob man nicht früher aufstehen sollte, um nicht wichtige News zu verpassen. Und in den 5 Minuten-Pausen zittern die Hände und Füße, da sie den Rhythmus nicht mehr des ständigen Postens wahrnehmen. Die Fähigkeit verloren, sich hinzusetzen und ein Buch in Ruhe zu lesen. Die Kommunikation mit realen Menschen reduziert und selbst bei Gesprächen darüber nachzudenken, welche News man verpasst.“

All dies sind Kennzeichen von Sucht nach einer Droge. Nicht einer klassischen Droge sondern der Droge „News und Erhaschen von Aufmerksamkeit“.

Der Übergang zurück in ein Leben, das die digitale Welt nur noch als normales Arbeitsmittel in der heutigen Arbeits- und Freizeitwelt nutzt, gestaltet sich für viele Menschen, die dies erkannt haben, als äußerst schwierig. Daher muss jeder Betroffene sich zwingen eine Analyse seiner Arbeits-, Denk- und Handlungsweise durchzuführen. Diese Analyse sollte abgekoppelt von Software und Internet geschehen. Erst dann erkennt man, wann und wie das digitale Selbst schon Besitz von einem ergriffen hat. Meiner Einschätzung nach, wird es im nächsten Jahrzehnt massiv zu ganz persönlichen Revolutionen kommen. Menschen, die durch ein Ereignis vielleicht wieder auf die reale Welt zurückgeworfen werden und in einen Nachdenkprozess kommen.

Weitere Beiträge zur digitalen Kulturkritik (Vorab-Veröffentlichung aus meinem E-Book #Hashtag! – Ich poste also bin ich.) …

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